Erinnerung ist Zukunft* (1997)

Vorwort
Dr. Ulrich Schneider



Luisa Schatzmann ist eine selbständige Frau. In der Kölner Innenstadt, inmitten des turbulenten Galerieviertels am Neumarkt schuf sie sich in ihrem kleinen Hinterhofatlelier einen Ort der Ruhe. Hier kann sie, ungestört von allen Verpflichtungen, als Malerin und Grafikerin arbeiten. Bekannt sind ihre großformatigen Bilder in kräftigen Pigmentfarben, dir für die extrovertierte Seite ihres lateinischen Temperamentes stehen; weniger bekannt blieben bis jetzt die Linolschnitte, die auch erstaunliche Dimensionen erreichen.

Die stets hochformatigen Arbeiten kreisen um zwei Themen: Frau und Gefäß. Die Amphore  steht im Mittelpunkt einer Serie von zweifarbigen Linoldrucken, die die weiblichen Formen des antiken Vorratsgefäßes paraphrasieren. Leicht aus der Mitte des schlanken Bildfeldes gelöst, wächst die tönene Flasche in den undefinierten Raum. Minimal angedeutet ist ihr Fuß, daraus entspringt die zarte Wölbung des Leibes bis zur Schulter, darüber erhebt sich überlängt der Hals bis zu zarten Lippe der Öffnung. Waagrechte Kerblinien an Fuß und Hals und senkrechten Linien am Leib deuten sachte eine Binnenstruktur an, die auf eine Tonbearbeitung verweist. Die Farbigkeit bleibt, dem Medium angemessen, reduziert: altrosa das eingefärbte Papier des Hintergrundes, kräftig rot das Objekt. Durch die Wiederholung des Druckvorganges mit dem gleichen Linolstock wird das Bildfeld bevölkert, mit Amphorenpaar und -trias, angepasst den monochrom urbunten Hintergründen.

Diese sehr verschwiegenen Bilder weisen auf die Bindung der Künstlerin zur abendländischen Antike. Die zeitlose Schönheit griechischer, etruskischer und römischer Gefäße vereint Form und Funktion von höchster Klarheit mit fast erotisch zu nennender Anmut. Durch die Jahrhunderte beflügelte dieser Dreiklang die Allusionsfähigkeit nachfolgender Künstlergenerationen. So ließ Abt Suger von Saint-Denis im 12. Jahrhundert eine antike Vase zum Adler werden, so knetete Picasso im 20. Jahrhundert den viertelharten Tonscherben der Vasen von Vallauris zu Frauenleib und Vogelkörper. Luisa Schatzmann nun attackiert die ausgewogenen Formen, indem sie sie in Kult I von den finsteren Menschenmächten umtanzen lässt. Die feminine Form der Amphore wird in Ägypten zum reinen Frauenbild, wobei, wie im Alten Reich, der Körper frontal und das Antlitz im strengen Profil gegeben wird. Eindrücke aus verschiedenen Kulturkreisen, auf langen Reisen erlebt, überlagern sich dort, wo in mehreren Druckvorgängen die Hintergründe immer bewegter werden.



         

Schamanenhaft-Kultisches tritt auf, wenn das Menschenbild wie  bei der Regenbogenschlange auf das Tier, das Reptil, trifft. Vorbilder finden sich in Stammeskünsten der Hochkulturen, die der Westen ursprünglich nennt. Mensch wie Tier erhalten hier die zeichenhafte Oberfläche, wie sie Tätowierungen und Ziernarben erreichen. Stets wird die Linie jedoch, etwa bei Mutter, mit großer Sicherheit vor die ornamentale Fläche gesetzt. Wie zum Schutz umschlingen sich Menschenformen, die bewegten Extremitäten lassen die Generationen in einen fröhlichen Tanz miteinander treten. Leichte Bewegung gelingt auch dann, wenn düstere Farbigkeit und der Titel Homunculus Unheimliches erwarten lassen.

Luisa Schatzmann bezieht ihre Kraft aus dem Hineindenken in frühere Kulturen. Dies geschieht im persönlichen Erkennen und wird durch die Lektüre vermittelt. Texte von Christian Morgenstern, Ovid und Novalis bewirken – wie Katalysatoren – eine Zeitreise in die Vergangenheit, die durch ihre Bilderwelt Gegenwart wird. Gemeinsam mit Frau Dr. Dagmar Preising, Kustodin am Suermondt-Ludwig-Museum, traf sie eine sensible Auswahl von Bildern und Vorbildern, die in einem schönen Katalog verbunden sind. Beiden sei dafür herzlich gedankt.


Abb.
Mutter
(1997)


*Suermont-Ludwig-Museum Aachen
Textbeiträge von Dr. Ulrich Schneider und Dr. Dagmar Preising
29,7 x 21 cm, 68 S., 21 farbige, s/w Abb., Aachen


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